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Mannen-Idee

Herausgegeben von in Gulag News ·
"Wenn man nicht so lebt, wie man denkt, beginnt man so zu denken, wie man lebt"
Raoul Hedebouw (2o17)



Im Elbsandsteingebirge scheint die Erschließertätigkeit in den letzten Zügen zu liegen.
Nicht an den Aktiven liegt das; noch nie war die Schar der Experten derart vielköpfig und leistungsfähig. Nein, ihr Tatendrang findet einfach kein Neuland; der Acker ist akkurat bestellt, nichts ist mehr zu tun für die junge Generation. Es scheint, als sei der drängende Nachwuchs dazu verdammt, fortan den ausgetretenen Spuren seiner Vorgänger zu folgen. Ja, ich weiß, das haben die meisten schon immer getan, aber jene, die durch Fleiß und Talent das Spitzenniveau erreicht haben, treten mit hungrigem Magen an einen leergegessenen Tisch. Wenn man genau hinsieht, findet man aber noch einige Krümelchen. Unscheinbar zwar, doch wir wollen sie auf dem Papier aufpicken.

Da sind zunächst die Kletterwege, die wir schon haben – bekannt allerdings, doch wenn man sie unter neuen Bedingungen durchsteigt, neues Erlebnis. Weiterhin bieten sich die wenigen bedeutenden Gipfel an, das also, was in den älteren Ausgaben unseres Kletterführers zum Teil unter „H-i-e-r-ü-b-e-r“ zum Teil überhaupt nicht steht. Dann wollen wir die Massive nicht vergessen, die unbeachtet im Walde stehen, und schließlich zurück zu den richtigen Gipfel: Dort geht noch allerhand, man braucht nur zu Hammer und Haken zu greifen.

Nun der Reihe nach. Zunächst zur Frage: Wie kann man den sportlichen Wert von Wiederholungsbegehungen erhöhen? Die Erstbegehung des Fledermausweges an der Sommerwand – um gleich ein Beispiel zu haben – verlief folgendermaßen: Ich kletterte zum ersten Ring, holte dort den zweiten nach, kletterte weiter zu einer Schlinge und ruhte in ihr sitzend aus, bevor ich zum zweiten Ring weiterging. Dort versammelte sich die gesamte Seilschaft, um mich durch doppeltes Bauen in einen Handriß, der zum Gipfel führte, zu befördern. Zunächst ist daran die Verschnaufpause in der Schlinge peinlich, denn sie beweist, daß meiner Kraft Grenzen gesetzt sind. Ich kann mich nun bemühen, meine Ausdauer zu steigern und ohne Ausruhen von ersten zum zweiten Ring zu klettern. Zweifellos schenkt eine solche Durchsteigung mehr Befriedigung und mehr Klettergenuß, denn sie fließt ohne Stockung, ästhetisch und rationell. Ich kann diese Freude nun nochmals steigern, indem ich auch am ersten Ring vorbeisteige, ihn gleichsam als hundertprozentige Schlinge betrachtend. Bis zum zweiten Ring braucht man etwa 20 Meter Seil, das heißt: Seilzug praktisch null, Verständigung einwandfrei – also weshalb hole ich dann überhaupt am ersten Ring nach? Aus Gewohnheit. Schließlich stört mich die Zirkuskünste der doppelten Baustelle, und ich versuche, mit einfachen Bauen oder gar ohne Bauen durchzukommen. Wenn es gelingt, triumphiert meine Technik, und der Weg selbst hat viel gewonnen, denn ich habe bewiesen, daß er auch für Zweierseilschaften gangbar ist.

Sicherlich ist es für jeden, der Freude an eigenen Wegen hat, reizvoll zu entscheiden, an welchem Ring er vorbeisteigen, an welchem er nachholen wird. Außerdem hat die Sache aber noch praktischen Wert. Wer auf Schlingenruhe verzichten kann, vermeidet die Gefahr, mitsamt der Schlinge und einem dünnen Zacken oder einer dürftigen Sanduhr runterzufliegen. Wer an Baustellen versucht, ohne Bauen durchzukommen, der schult seine Technik, und zwar ohne Angst, ohne Risiko, denn wo eine Baustelle ist, da ist der Ring nicht weit. Wer weit aussteigt, an Ringen vorbeisteigt, der wird sich im Hochgebirge, wo ganze Seillängen zwischen den Standplätzen liegen, schnell zurechtfinden. Außerdem läßt sich ein Stürzender viel sicherer an einem Seil abfangen, das durch einen Ring läuft, als an einem, das den Ruck unvermindert auf unsere Schulter überträgt.

Punkt zwei, die „Hierüber“. Eine rührige Truppe, Dietmar Heinicke und seine Mannen, haben diese Türme, die bislang im Unterholz verborgen dahindösten, ans Licht der Öffentlichkeit gebracht – Entwicklung nach unten. Aber wer wird denn auf den Krümelturm steigen, wenn ein Kuchenturm daneben steht? Was jener bietet, bietet dieser schon lange. Die „Hierüber“ sind keine Aufgaben, sie bergen kein Geheimnis, das zu lüften lohnte, selbst ihre geringe Höhe – ihr Hauptmerkmal – ist keins.

Und die Massive? Entwicklung in die Breite. Es steht fest, daß man an Massiven noch viele große Wege machen kann, aber der Verdacht liegt nahe, daß daraus nicht eher etwas wird, als bis für die Massive ein Äquivalent zum Gipfelbuch geschaffen worden ist. Ja, das Buch als Triebkraft, diesmal das Buch der großen Taten. Wie anders kann ich mir erklären, daß rings um den Hohen Torstein immer neue Anstiege ausgeheckt werden, die samt und sonders Massivkletterei und blutarm sind, während einen Katzensprung weiter der Sockel des buchlosen Müllersteins mit phantastischen Wänden abbricht, um die sich niemand kümmert? Wenn ich am Hohen Torstein klettere, gehe ich oft von der großen baumbestandenen Terrasse zurück, auf den zerrütteten Oberbau und das Gipfelbuch verzichtend, die das Erlebnis meiner Klettertour nicht bereichern können. Auf dem Müllerstein aber vermißte ich 1960, als ich einen neuen Weg durch seinen Massivunterbau beendet hatte, das Buch. Und zwar deshalb: Ohne Buch kein Ruhm, ohne Ruhm keine Wiederholungsbegehung, ohne diese keine Anerkennung, keine Kritik, kein Sinn. Ein Weg, den niemand klettert, ist wie ein Buch, das niemand liest – sinnloser Aufwand. So werden denn Wandbücher früher oder später das Startzeichen zur Massivkletterei sein.

Nun zum Hageln, um auf den Lobgesang in der Aprilnummer einzugehen, dessen eine Strophe sagt, ich träume immerzu davon. Ja, ich glaube, es ist an der Zeit, Bohrhaken und Trittleitern in die Schweiz mitzunehmen. Jeder weiß, daß es Felspartien gibt, die ohne künstliche Steighilfen unpassierbar sind – weshalb soll man auf sie verzichten? Wenn neue Grundsätze festlegen, daß nur dort genagelt werden darf, wo es anders absolut nicht geht, besteht überhaupt keine Gefahr, daß unser klettertechnisches Niveau womöglich absinkt. Vor einigen Jahren haben Kletterer der Sonderklasse die Ostwand des Basteischluchtturms berannt, sie sind fünf Meter unter dem Gipfel steckengeblieben. Einige Haken würden genügen, und wir wären um einen neuen, großen und bestimmt schwierigen Anstieg reicher. Und sollte das Unwahrscheinliche einst doch wahr werden, daß einer ohne diese Haken hochkommt, dann werden die Haken gezogen, wie man am Märchenturm die Ringe der Erstbegeher gezogen hat; niemand wird mehr von Haken sprechen, wie niemand mehr am Alten Weg auf die Jungfer von Unterstützung spricht. In diesen Hakentouren würden wir den Umgang mit dem Werkzeug des modernen Alpinisten erlernen, das durchaus keine stumpfsinnige oder gar anspruchslose Tätigkeit ist. Wir würden mit ihnen Neuland gewinnen für die Experten von heute und morgen und ein neues Betätigungsfeld für das große, ständig wachsende Heer der Aktiven.

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Das Team, 21.05.2018



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